Das neue Grundsatzprogramm der SPD
Schwerpunkt: Vorsorgender Sozialstaat
Im Rahmen der Debatte um ein neues Grundsatzprogramm
hatten der SPD- und der AfA-Kreisverband
Bernkastel-Wittlich die rheinland-pfälzische
Bundestagsabgeordnete Andrea Nahles eingeladen. In
seiner Begrüßung skizzierte SPD-Kreisvorsitzender
Dieter Burgard den politischen Werdegang von Andrea
Nahles, die in ihrem Heimatort Weiler mit 18 Jahren
den dortigen Ortsverein gründete und erste
Vorsitzende wurde. Nach Tätigkeiten als
Juso-Landesvorsitzende von Rheinland-Pfalz und
Bundesvorsitzende wurde Nahles 1998
Bundestagsabgeordnete, schied nach der Wahl 2002
allerdings wieder aus. Seit der vorgezogenen Wahl im
September 2005 sitzt sie wieder für ihren Wahlkreis
Ahrweiler im Berliner Reichstag. Beim nächsten
Bundesparteitag in Hamburg soll sie zu einer der
drei stellvertretenden Vorsitzenden unter Kurt Beck
gewählt werden.

Andrea Nahles erklärt das neue Grundsatzprogramm
der SPD. Mit auf dem Foto: Marcus Heintel (links),
AfA-Vorsitzender im Kreis Bernkastel-Wittlich, und
Dieter Burgard (rechts), MdL und Vorsitzender des
SPD-Kreisverbandes Bernkastel-Wittlich.
In ihrem Einführungsreferat beschrieb Andrea Nahles
ihre Perspektive auf das Jahr 2020 und die
Vorstellungen, was bis dahin alles erreicht sein
soll:
-
"Jedes Kind geht in die Schule, in die es gehört",
ohne vorherige Selektierung nach Stand oder
Einkommen. Es soll bis dahin mehr Ganztagsschulen
geben, mehr gemeinsames Lernen; hierbei spiele
Rheinland-Pfalz bereits jetzt eine bundesweite
Vorreiterrolle.
-
"Jeder hat Arbeit und der Lohn reicht zum Leben";
die CDU will eine Aufstockung durch Steuermittel
bei Niedriglöhnen, die SPD ist klar für einen
gesetzlichen Mindestlohn.
-
"Jeder hat Arbeit, aber auch Zeit"; bei vielen
Arbeitsverhältnissen herrscht großer
Leistungsdruck. Aber: Die Arbeit soll nicht krank
machen, auf der anderen Seite - im positiven Sinne
- fordern und zur persönlichen Weiterentwicklung
beitragen. Neben der Arbeit soll aber auch Zeit
bleiben, um pflegebedürftigen Menschen die nötigen
Hilfen zuteil werden zu lassen. In Österreich
beispielsweise gebe es eine Pflegekarenz, einen
Abschlag von der Arbeitszeit für die Pflege
Angehöriger. Hinsichtlich der Weiterbildung
wünscht Nahles ein Umdenken: "Wir brauchen keine
Arbeitsagentur, sondern eine Bundesagentur für
Qualifizierung."
-
"Wir haben eine gleiche und gute
Gesundheitsversorgung für alle." Dies ist jetzt
nicht so. Der Anteil der Bevölkerung, die privat
versichert ist, beträgt gerade einmal 10 %, diese
kommen besser an eine Spitzenversorgung heran. 20
% der Menschen nehmen Leistungen der
Krankenversicherung in Anspruch, der Rest aber
nicht. Die Gesundheitsversorgung soll für alle da
sein. Daher spricht sich Nahles weiterhin für die
Bürgerversicherung aus, mit der die Organisation
der medizinischen Versorgung verbessert werden
soll.
-
"Wir haben eine gute Forscherkultur und stehen in
diesem Bereich an der Spitze." Irland wirbt
derzeit Forscher ab. Grund: Durch die Bindung im
akuten Arbeitsbereich findet die Forschung derzeit
allenfalls nach Feierabend statt, weil
Wissenschaftler keine Freigabe für die Forschung
während der Arbeitszeiten haben.
-
"Wir haben die geringste Kinderarmut, insbesondere
bei alleinerziehenden Eltern." Diese Klientel
erhält derzeit meistens 100 % Transferleistungen.
Bei Hartz IV soll der Kinderzuschlag laut
Vorschlag von Nahles erhöht werden. Es muss
bessere Kinderbetreuung geben, allerdings stehen
auch die Eltern in der Verantwortung.
-
"Wir sind das Land mit den meisten Erwerbschancen
für ältere ArbeitnehmerInnen." Derzeit
beschäftigen rund 60 % der deutschen Unternehmen
niemanden über 50 Jahren. Nahles wies auf den
Wandel im Rentenbezug hin: waren es 1960 noch
durchschnittlich 6 Jahre, die ein Rentner
Leistungen bezog, so sind es im Jahr 2007 rund 16
Jahre. Es gibt derzeit zu wenige Arbeitsplätze,
insbesondere für Ältere. Die Rente mit 67
entfaltet ihre volle Wirksamkeit erst im Jahr
2025, insofern wird sich in diesem Bereich bis
2025 noch einiges tun. Nach dem Ende der Großen
Koalition werde die SPD versuchen, für gewisse
Berufe einen früheren Ausstieg über
Erwerbsminderungsrente und Altersteilzeit zu
ermöglichen, mit der Union ist dies so nicht
möglich zu vereinbaren. Interessant sei allerdings
zu beobachten, dass durch den Facharbeitermangel
in Deutschland zahlreiche Rentner ins Erwerbsleben
zurückgeholt werden. Tendenziell ist bei der Frage
der Arbeitsverteilung zu beachten, dass mehr
Frauen und mehr Zuwanderer in Arbeit gebracht und
die Arbeitnehmer länger fit gehalten werden
müssen. Beim Thema Überstunden sind sowohl
Unternehmer als auch Arbeitnehmer gefordert.
An diese Erläuterungen schloss sich eine Pause an,
in der die Veranstaltungsteilnehmer die Möglichkeit
hatten, kurz mit der Referentin zu sprechen oder
aber sich Fragen zu überlegen. Hierzu hatte die AfA
Stifte und Blöcke organisiert und verteilt.
Hintergrund: Vielfach trauen sich Menschen bei
öffentlichen Veranstaltungen nicht, sich zu Wort zu
melden. Deswegen sollten sie die Möglichkeit haben,
die Fragen schriftlich an Andrea Nahles zu richten.
Hiervon wurde reger Gebrauch gemacht. Die
Diskussionsleitung hatte der AfA-Kreisvorsitzende
Marcus Heintel inne.

Gebannt folgen die Zuhörer den Ausführungen von
Andrea Nahles.
Hier einige Antworten von Andrea Nahles auf die
schriftlichen Fragen:
-
Zur Frage von Irmgard Meuren zur Bewertung von
Normalarbeit und Leiharbeit: Hier bestehen
teilweise 2-Klassen-Löhne. Bei Thyssen-Krupp sind
87 % der Belegschaft Leiharbeiter, das ist
skandalös. Hierzu müssen die gesetzlichen
Grundlagen konkretisiert werden, zum Beispiel
müsse die Verleihdauer festgelegt werden. Außerdem
soll Leiharbeit nicht ein flächendeckendes
Lohndumping verursachen. Gleiches gilt allerdings
auch für die meist unbezahlten und langen
Praktika. Hierzu wird der Parteivorstand zur Dauer
und Entlohnung einen Leitantrag zum Parteitag
einbringen.
-
Günter Rösch fragte, ob die SPD mit ihrem neuen
Programm nach links rücken müsste. Andrea Nahles
bejahte dies. Allerdings bedeute links sein, die
Menschen zu verstehen und nicht bei Problemen
wegzusehen sowie die Themen Arbeit und Soziales
mehr in den Mittelpunkt zu rücken.
-
Wie soll der Teufelskreis aus Armut, mangelnder
Bildung und schlechten Erwerbschancen durchbrochen
werden? - Nahles: Durchaus sollte die
Pflichtvorschule diskutiert werden, ggf. auch nur
bei auffälligen Defiziten beim Schüler. Da die
Hauptschule nur noch Resteschule ist, soll diese
bzw. das 3-gliedrige Schulsystem abgeschafft
werden. Gerade dies werde sich armutsdurchbrechend
auswirken.
-
Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer
größer, trotz Regierungsbeteiligungen der SPD. Wie
soll dem in Zukunft gegengesteuert werden? -
Nahles: Für eine Vermögenssteuer fehlen die
Mehrheiten. Bei Anlagen im Kapitalmarkt könnte die
Vermögenssteuer beispielsweise greifen. 1970
hatten wir in Deutschland 270 Einkommensmillionäre
in D-Mark. Heute sind es 1,5 Einkommensmillionäre
in Euro. Hierbei handelt es sich aber auch um ein
westdeutsches Phänomen. Hier wäre eine Regelungen
mit den Ländern, da nur sie diese Steuer erheben
können, möglich, da Bayern auch dafür ist. Bei der
Erbschaftsteuer sollten die Erben, die über
250.000,- Euro erben (4 % der Erben insgesamt),
mehr leisten. Die letzte Einheitswertschätzung
wurde in den 1950er Jahren durchgeführt. Wenn hier
etwas geändert würde, hätten die Länder 2-3
Milliarden Euro mehr, also rund 300 Millionen pro
Land für mehr Bildung. Und: 90 % der Erben wären
von der Erbschaftsteuer nicht betroffen.
-
Wie beurteilen Sie die Agenda 2010 - nach aller
Kritik - heute? - Nahles: Positiv sind die
Tatsachen, dass Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe
zusammengelegt wurden und dass die 900.000
Sozialhilfeempfänger besser gestellt wurden.
Negativ ist das Ende der ALG-Bezugsdauer nach 12
bzw. 18 Monaten und dass mit der Agenda 2010 die
Armutsfrage nicht in den Griff bekommen wurde. Es
soll aber eine faire Auswertung geben und eine
Umstellung geben, die 10 Jahre hält.
-
Gibt es Schulsysteme in europäischen
Nachbarländern, die Vorbild zur einer Reform in
Deutschland hätten - Nahles: Ja, in Schweden und
Finnland, im letzteren Staat gibt es
Synergieeffekte auf den Öffentlichen
Beschäftigungssektor.
-
Ungerechtigkeit der Abschläge bei der frühzeitigen
Rente, wenn man unverschuldet arbeitslos wurde,
keine Arbeit mehr fand und deshalb Rente
beantragte. - Nahles: Trotz der Rente mit 67 wird
man künftig auch bei bereits geleisteten 45
Beitragsjahren bereits mit 65 Jahren in Rente
gehen können. Das Problem bei Frauen ist, dass
diese die 45 Jahre in der Regel nicht erreichen
und dadurch geringere Renten beziehen, auch wegen
geringerer Gehälter und Kindererziehungszeiten.
Eine Entkoppelung von Beitragsjahren oder Änderung
gesetzlicher Art ist schwierig, daher wolle sie
keine Versprechen ankündigen, zumal hierzu die
Mehrheiten fehlen und dies zu um 2-3 % höheren
Beiträgen zur Rentenversicherung führen würde. Das
frühere Ausscheiden aus dem Berufsleben wird durch
die Abschläge bei der Rente gegenfinanziert. Im
Jahr 1999 wurde unter der SPD-geführten
Bundesregierung die Anerkennung der
Kindererziehungsleistungen als Anrechnungszeiten
bei der Rente eingeführt, das wird leider nicht
berücksichtigt. Günter Rösch entgegnete, dass die
Rente mit 67 eine faktische Rentenkürzung sei.
Andrea Nahles antwortete, dass in das Gesetz
bekanntlich eine Revisionsklausel eingebaut wurde,
um nach einem Zeitraum dieses Gesetz inhaltlich zu
überprüfen. Außerdem seien bis zum vollen
Wirksamwerden noch 20 Jahre zeit. In 5 Jahren wird
man allerdings schon das Problem mit
Facharbeitermangel haben.
-
Trotz allem besitzt Deutschland das beste
Gesundheitssystem der Welt. - Nahles: Es gibt eine
exzellente Versorgung bei Notfällen, allerdings
birgt das deutsche Gesundheitssystem zwei
Schwächen: Es ist nicht gerecht genug, so zum
Beispiel bei der Frage der Diagnostizierung. Ohne
Diagnose gibt es keine Behandlung, sodass viele
Patienten eine "Arztrundreise" starten müssen.
Fachärzte in Kliniken und niedergelassene
Fachärzte sind nicht effektiv genug organisiert.
Lobenswert ist die Einführung der
Brustkrebszentren, die es erst seit
Gesundheitsministerin Ulla Schmidt gebe.
-
Vernichtet man mit Mindestlöhnen nicht
Arbeitsplätze von Unqualifizierten? - Nahles: Nur
56 % der jetzigen Mindestlohnbeschäftigten haben
einen Berufsabschluss. Es ist eine Kontrolle der
Mindestlöhne erforderlich. Großbritannien hat seit
1999 einen gesetzlichen Mindestlohn von ca. 8,-
Euro und ein Kontrollsystem. Damit sich Sünder der
Strafe nicht entziehen können, sind diese an die
Einkommensteuer gekoppelt und es gibt eine Hotline
für Meldungen, zumeist von konkurrierenden
Unternehmen. In Deutschland könnte das der Zoll
übernehmen. Der Mindestlohn sollte jetzt während
des Aufschwungs umgesetzt werden. Die Preise sind
in England nur in der Gastronomie gestiegen,
erfahrungsgemäß wurden aber keine Arbeitsplätze
vernichtet, da der Niedriglohnsektor Einkünfte
fast vollständig verkonsumiert, also wieder in den
Wirtschaftskreislauf abgibt und somit zur
Verbesserung der Wirtschaft beiträgt.
Nach der schriftlichen Fragerunde beantwortete
Andrea Nahles noch mündliche Fragen aus dem
Publikum. Zum Abschluss bedankten sich der
SPD-Kreisvorsitzende Dieter Burgard, die
SPD-Ortsvereinsvorsitzende Erika Werner und der
AfA-Kreisvorsitzende Marcus Heintel mit einem Sekt-
und Weinpräsent bei der künftigen stellvertretenden
SPD-Bundesvorsitzenden Andrea Nahles für ihre
kompetente und interessante Darlegung der Fakten.

Die Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Wittlich,
Erika Werner (2. von links), bedankt sich bei Andrea
Nahles mit einem Weinpräsent.
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